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Matthias Frye - 22. Juli 2021

Ob Hafenschließungen durch COVID-19, havariertes Schiff im Suezkanal oder Containerknappheit: die Gefährdung der globalen Lieferketten nimmt stetig zu. Dies erfordert ein pro-aktives Supply Chain Risk Management, um Lieferunterbrechungen und negative Auswirkungen für die Kunden zu vermeiden. Resiliente Lieferketten sichern nicht nur die Versorgung, sondern machen Unternehmen insgesamt agiler im Umgang mit Marktveränderungen und somit wettbewerbsfähiger.

Supply Chain Risk Management wird immer wichtiger

Die Coronapandemie hat vielen Unternehmen die enorm gestiegene Bedeutung ihrer Lieferketten drastisch vor Augen geführt. Der Trend zur Lean Supply Chain hat in den vergangenen Jahren dazu geführt, dass Lieferketten unter dem Aspekt der Kosteneffizienz optimiert wurden. Outsourcing und Offshoring, die Zentralisierung von Produktionsstandorten und Distributionswegen und die Konsolidierung von Lieferanten machen die Supply Chain zwar effizienter, aber auch wesentlich anfälliger gegenüber Störungen. Die Lieferketten weisen immer komplexere Wechselwirkungen auf und Störungen setzen sich schnell innerhalb des Netzwerks fort. Darüber hinaus nehmen Anzahl und Schweregrad der externen Störungen in den letzten Jahren zu, nicht zuletzt aufgrund der globalen Klimakrise und der wachsenden geopolitischen Unsicherheit. Neben den disruptiven Störungen treten immer mehr und stärkere Schwankungen der Angebotslage und der Kundennachfrage auf, die die Supply Chain zusätzlich unter Druck setzen.

Reaktives Risikomanagement

Wesentliche Grundlage des Supply Chain Risk Managements ist ein dreistufiger Prozess: Im ersten Schritt werden relevante Risiken identifiziert, im zweiten Schritt müssen diese Risiken hinsichtlich Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadensausmaß bewertet werden und zuletzt Maßnahmen zur Minderung des Schadens oder des Eintrittsrisikos umgesetzt werden. Dabei ist es hilfreich, den ursprünglich von Booz Allen Hamilton geprägten Begriff der Supply Chain durch das Modell eines Netzwerks zu ersetzen. Knoten des Netzwerks stellen die Lieferanten dar, die Verbindungen des Netzwerks repräsentieren die Lieferwege. Diese Unterscheidung hilft bei der Identifikation der Risikoarten. Finanzrisiken, sozio-politische und Cyber-Risiken betreffen typischerweise die Knoten des Netzwerks. Naturkatastrophen, Transportstörungen und geopolitische Störungen wirken sich auf die Verbindungen aus. Das Modell des Netzwerks ermöglicht den Einsatz von GeoIntelligence - Methoden für die Risikoidentifikation und den Umgang mit Risiken.

Viele Unternehmen verfolgen heute noch einen überwiegend reaktiven Ansatz beim Supply Chain Risk Management. Dabei liegt der Fokus darauf, zielgerecht auf Unterbrechungen der Lieferkette zu reagieren. Daneben nutzen diese Unternehmen Möglichkeiten der Diversifikation, etwa Multi-Sourcing Strategien, wenn es wirtschaftlich vertretbar ist. Die wichtigsten globalen Risiken wie z.B. regulatorische Änderungen oder eine sich ändernde Nachfrage werden überwacht. Die enge Zusammenarbeit mit Lieferanten und die Durchführung von Lieferantenaudits gehören ebenso zur Geschäftspraxis. Allerdings werden alle diese Aktivitäten nicht als integrierter und automatisierter Steuerungsprozess realisiert und haben nicht den entsprechenden Stellenwert bei der Unternehmensführung. Oftmals fehlt auch eine gesamtverantwortliche Stelle mit entsprechenden Kompetenzen. Dadurch sind Unternehmen einerseits ungenügend auf große Störungen vorbereitet und binden andererseits unnötige Ressourcen zur Absicherung gegen kleinere Störungen.

Transparenz und proaktive Risikosteuerung

Fortschrittlichere Unternehmen haben kontinuierliche Prozesse und klare Verantwortlichkeiten für das Management von Risiken eingeführt und schaffen mithilfe intelligenter Systeme eine hohe Transparenz in der Supply Chain. Die führenden Pharma-, Automobil- und Hightech-Unternehmen mit ihren sehr komplexen Lieferketten haben funktionsübergreifende Schnittstellen zwischen Logistik, Einkauf, Marketing, IT und Recht etabliert. Im Falle von Störungen der Supply Chain tauschen diese Teams Informationen effektiv aus und reagieren zielgerichtet und schnell.

Diese Unternehmen beobachten kontinuierlich eine Vielfalt von Ereignissen und Trends, die zu Störungen in der globalen Supply Chain führen könnten. Sie arbeiten gemeinsam mit ihren Lieferanten daran, die Transparenz auch in mehrstufigen Lieferketten zu erhöhen und nutzen GeoIntelligence-Technologien, um Benachrichtigungen über die neuesten Vorfälle zusammen mit den möglichen Auswirkungen auf ihre Lieferkette in nahezu Echtzeit zu erhalten.

Mithilfe von Predictive Analytics werden Szenarien hinsichtlich der Auswirkungen von möglichen Ereignissen bewertet und zur Entscheidungsfindung genutzt. So werden etwa Einkaufsentscheidungen nicht überwiegend anhand von Kostenaspekten getroffen, sondern berücksichtigen auch weitere Kriterien, etwa Nachhaltigkeit, Flexibilität, Lieferzeiten und Qualität. Das Supply Chain Risk Management implementiert proaktiv Reaktionsstrategien und fördert das Bewusstsein der Mitarbeiter und des Managements für Risiken.

Resilienz als Chance

Die Steigerung der Lieferketten-Resilienz ist für viele global operierende Unternehmen ein strategisches Ziel. Dieses Ziel wird vor allem durch Flexibilisierung aller Aspekte der Supply Chain erreicht: Lieferwege, Lieferanten, Kapazitäten, Bestände und Liefermengen. Flexibilisierung bedeutet Handlungsoptionen zu schaffen und sollte nicht als Kostenfaktor, sondern als Investition in die Resilienz des Unternehmens aufgefasst werden. Entsprechende Investitionsentscheidungen berücksichtigen Risiken und Konsequenzen von Störungen und Marktveränderungen und liefern so den notwendigen Business Case.

Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer risikobewussten und belastbaren Entscheidungsfindung ist es, die Dynamik der Lieferkette zu verstehen: Neue GeoIntelligence-Technologien ermöglichen es, Lieferkettenprozesse zu modellieren und Dynamiken sichtbar zu machen. Diese Dynamiken beschreiben die Interdependenzen zwischen allen End-to-End-Supply-Chain-Parametern wie z.B. Lieferzeit, Kapazität, Kosten sowie deren Einfluss auf die Supply-Chain-Performance. Die Visualisierung der Wechselwirkungen hilft zu erkennen, wie verwundbar die Lieferkette aktuell ist und welche zukünftigen Einflüsse sie abpuffern kann. Die Analyse unterstützt die Definition der richtigen Resilienzmaßnahmen und gewährleistet als kontinuierlicher Gestaltungsprozess die Widerstandsfähigkeit der Versorgungsketten.

Eine flexible und resiliente Supply Chain bietet jedoch nicht nur Vorteile für das Risk Management, sondern leistet einen wichtigen Beitrag zur Agilität des Unternehmens im Umgang mit Marktveränderungen. Mit einer flexiblen Supply Chain können Unternehmen viel besser auf kurz- und mittelfristige Schwankungen wichtiger Faktoren wie der Kundennachfrage, der Rohstoffpreise oder der Wechselkurse reagieren. Die flexible und resiliente Supply Chain ist somit nicht nur Versicherung gegen disruptive Ereignisse, sondern gleichzeitig enormer Wettbewerbsvorteil in einem dynamischen Marktumfeld.

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